17757268_1474152225930761_1736822555273033848_n

Rückblick: Soziale Gerechtigkeit – ist der Traum geplatzt?

Am 5. April 2017 haben wir im nachbarschaftlichen Interessenverbund Kiezspinne e.V. in Berlin-Lichtenberg mit etwa 50 Teilnehmer*innen sowie unseren Experten Natalya Nepomnyashcha und Michael von Prollius das Thema diskutiert: Soziale Gerechtigkeit – Ist der Traum geplatzt? Nachfolgend ein Rückblick von Boris Schneider.


Warum haben wir dieses Thema gewählt?

Soziale Gerechtigkeit ist als Thema in aller Munde – nicht wenige würden wohl der Aussage zustimmen, dass es in Deutschland heute gefühlt ungerecht zugeht. Gleichwohl ist der Begriff der sozialen Gerechtigkeit sehr schwammig und nur unscharf definiert. Auch gibt es sehr verschiedene Ansichten darüber, welche Art von Gerechtigkeit oder gar Gleichheit erstrebenswert ist – und darüber, welche Rolle der Staat dabei spielen soll. Das Thema birgt also sowohl aus einer tagespolitischen wie auch ideologischen Perspektive reichlich Zündstoff.

Wer waren die beiden Experten? Und welche Kontroverse hat sich zwischen beiden entzündet?

Die Experten waren Natalya Nepomnyashcha, Gründerin vom „Netzwerk Chancen“ und Alumna der Deutschlandstiftung Integration sowie Michael von Prollius, Wirtschaftshistoriker, Unternehmer und Publizist sowie Gründer der Onlineplattform „Forum Freie Gesellschaft“, die sich für das Wiederbeleben des klassischen Liberalismus einsetzt. Während Natalya Nepomnyashcha in erster Linie den Staat in der Pflicht sieht, sich für mehr Chancengerechtigkeit im deutschen Schulsystem einzusetzen, ist für Michael von Prollius ebendieser Staat mit seiner Bürokratie und Intransparenz der Ausgangspunkt für einen Großteil der Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft.

Was hat die Gäste/Teilnehmer besonders interessiert?

Die Teilnehmer waren an konkreten Beispielen interessiert, insbesondere hinsichtlich einer möglichen Ausgestaltung einer privat organisierten Alternative zum Wohlfahrtsstaat, wie sie Michael von Prollius vorschwebte. Wie würde die Koordination in diesem unbürokratischen Staat ablaufen? Wie groß wäre der private, wie groß der staatliche Sektor? Ebenso interessierte die Besucher, wie die “perfekte” weiterführende Schule aussehen könnte  – eher in Richtung Gesamtschule oder doch eine Vielfalt an verschiedenen Schultypen, aus denen man wählen würde?

Welche Fragen waren strittig?

Welche Rolle sollte der Staat in einem alternativen Gesellschaftsentwurf einnehmen? Wie ließen sich eher privatwirtschaftlich organisierte Wohlfahrtssysteme demokratisch legitimieren? Wie definiert man überhaupt “soziale Gerechtigkeit”? Sind Gleichheit und Gerechtigkeit in dieser Debatte gleichbedeutend? Und wieso ist das deutsche Schulsystem im internationalen Vergleich so anders?

Und die Quintessenz der ganzen Diskussion?

Wir haben gesehen, dass das Thema der Diskussion unheimlich schwer zu umreißen ist, da darunter fast jeder etwas eigenes versteht. Auch läuft man in dieser Debatte Gefahr, den gesellschaftlichen Akteuren utopische Kräft zuzuschreiben – dabei würde eine nüchterne Analyse hinsichtlich dessen, was der Staat und was der private Markt im Stande zu leisten sind, ungemein weiterhelfen. Die Diskussion muss und wird also weitergehen!



PRO & CONTRA

Natalya Nepomnyashcha

Sind in unserer Gesellschaft die Chancen gleich verteilt? Keineswegs. Natalya Nepomnyashchas Vita ist ein Beispiel dafür, wie schwer man es ohne deutsche Akademikereltern hat, einen erfolgreichen Bildungsweg zu absolvieren. Trotz eines Realschulabschlusses mit der Note 1,1 konnte sie kein Abitur ablegen und musste ihr späteres Masterstudium im Ausland absolvieren.

Auch bei gleichen Leistungen haben Nichtakademikerkinder eine signifikant schlechtere Ausgangslage. So werden Kinder von Professoren bei gleicher Leistung 2,5 Mal häufiger fürs Gymnasium empfohlen als Kinder von Facharbeitern. Die Qualität der individuellen Förderung und das dreigliedrige Schulsystem gehören dabei zu den zentralen Hürden, die für so viel Chancenungleichheit sorgen. Dies erstaunt, ist doch das Modell des gemeinsamen Lernens in den meisten Staaten der Welt selbstverständlich – nicht zuletzt dort, wo die besten Ergebnisse in den PISA-Vergleichen (z.B. in Finnland oder Südkorea) erreicht werden.

Der Staat ist gewiss nicht allmächtig oder fehlerfrei; doch genau ihm kommt die Aufgabe zu, in frühkindliche Bildung zu investieren, Chancenzugang zu schaffen und die Schullaufbahn für Kinder möglichst fair zu gestalten. Es kann zum Beispiel keine Rede von gleichen Chancen sein, wenn das weitere Leben eines Schülers nach der vierten Klasse entschieden in bestimmte Bahnen gelenkt wird, indem man ihn einer Schulform zuweist. Dabei erfolgt diese Zuweisung oft nicht nach Talenten. Viel sinnvoller wäre es, die Schüler bis zum Abschluss in einer Schule zu belassen und je nach Talenten (Förder-)Schwerpunkte zu setzen.


Michael von Prollius

Ungerechtigkeit ist ein Thema, das Michael von Prollius sehr stört. Doch ist der Wohlfahrtsstaat für ihn keineswegs das geeignete Mittel, um gesamtgesellschaftliche Ungerechtigkeiten ausmerzen, sondern vielmehr der Ursprung des Problems selbst. Der Begriff „soziale Gerechtigkeit“ ist kaum zufriedenstellend zu definieren. Geht es um Gleichheit? Und wenn ja – um welche? Um materielle? Gibt es also auch unsoziale Gerechtigkeit? Der Staat sollte sich lieber darauf beschränken als Regulativ die „Spielregeln“ durchzusetzen – ähnlich einem Schiedsrichter im Fußball – anstatt aktiv mitzuspielen. Die Menschen sind schlicht zu verschieden, als dass sich von gesamtgesellschaftlichen Zielen sprechen ließe. Doch die Politik beharrt auf dem gegenteiligen Trugschluss und spielt im Resultat gesellschafltiche Gruppen gegeneinander aus, sodass am Ende jeder jeden ausnutzt. Richtiger wäre es für den Staat, gleiches Recht für alle durchzusetzen und somit die richtigen Anreize zu setzten, damit jeder die Möglichkeit bekommt, durch eigenen Fleiß ein erfolgreiches Ergebnis zu erzielen.

Von Strukturen, die angeblich unser Leben im Hintergrund prägen, zu sprechen ist recht inhaltsleer, da diese Strukturen stets das Ergebnis menschlichen Handelns sind. So zum Beispiel staatlich festgelegte Strukturen wie der Meister- oder Apothekenzwang, die so manch einen Bildungsweg unflexibler machen und das eigene Streben nach Erfolg erschweren. Ließe sich über „eine Schule für alle“ Bildungsgerechtigkeit herstellen? Wohl kaum! Im Gegenteil ist es der richtige Ansatz, eine Vielzahl an Schulformen zuzulassen, damit sich Bildungsvielfalt ergibt und am Ende die besten und gefragtesten Schulen durchsetzen. Dass private Bildungseinrichtungen oftmals gerade für die Allerärmsten attraktiver als staatliche Schulen sind, lässt sich wunderbar im Buch „A Beautiful Tree“ nachlesen, welches beispielhaft das Schulsystem in den Slums von Indien und Teilen Afrikas beleuchtet.

Je mehr sich der Staat heraushält und seinen Bürgerinnen und Bürgern marktwirtschaftliche Freiheiten lässt, desto besser wird es um den Wohlstand in diesen Gesellschaften stehen, auch und gerade für die relativ Ärmsten. Private Wohltätigkeitsinitiativen wie bspw. Spenden Superreicher, aber auch Kleinstspenden, sind in diesem Kontext ebenfalls nicht zu unterschätzen – und oftmals um Welten direkter und effizienter als von Bürokraten und Lobbygruppen erdachte Umverteilungssysteme. Würde sich der Staat auf eine möglichst effiziente Grundsicherung beschränken und überließe er den Rest der freien Kooperation und Koordination der Menschen, ginge es allen besser. Wohlstand und Gerechtigkeit kann es nicht ohne Freiheit geben.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *