Kürzlich in Berlin diskutiert: Soziale Gerechtigkeit – ist der Traum geplatzt?

Gleicher Zugang zu Bildung und zum Arbeitsmarkt sowie das Versprechen des sozialen Aufstiegs: Deutschland hat sich im Grundgesetz der sozialen Gerechtigkeit verschrieben, doch immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass das Leben ungerechter zugeht. Wissenschaftler bestätigen dies: Die Kluft zwischen Arm und Reich wächst und Bildungschancen – einer der Schlüssel zum sozialen Aufstieg – hängen noch immer vom Elternhaus ab. In Städten beschweren sich Bürgerinnen und Bürger über Gentrifizierung und ungebremste Mietpreisanstiege. Ist Deutschland noch gerecht? Kann man sich überhaupt noch hocharbeiten oder werden die Reichen immer reicher, während die Mittelschicht schrumpft und die sozial Schwächsten immer mehr abgehängt werden?

Gleichzeitig boomt die Wirtschaft in Deutschland, die Arbeitslosenzahlen sind auf einem Niedrigstand, die Kaufkraft steigt. Geht es den Deutschen wirklich schlecht? Markt- und sozialwirtschaftliche Reformen haben dazu geführt, dass es weniger Unterstützung für Langzeitarbeitslose gibt und Arbeitsverhältnisse flexibler geworden sind – ist gesunder Konkurrenzkampf der Motor für Innovation, bessere Qualifikation von Arbeitnehmern und Produktivität in Deutschland, von der letztendlich alle profitieren? Braucht eine Gesellschaft sogar Ungleichheit, um sich weiterzuentwickeln?

Über dieses Spannungsverhältnis haben wir am Mittwoch, dem 5. April von 19 bis 21 Uhr im Nachbarschaftshaus Orangerie – Kiezspinne, Schulze-Boysen-Straße 38, 10365 Berlin-Lichtenberg mit etwa 50 Teilnehmer*innen sowie unseren Experten Natalya Nepomnyashcha und Michael von Prollius diskutiert.

 

ÜBER DIE EXPERTEN
Natalya Nepomnyashcha ist Gründerin von „Netzwerk Chancen“ und Alumna der Deutschlandstiftung Integration. Sie setzt sich für gesamtgesellschaftliche Lösungswege für Chancengleichheit für Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien ein und sieht in der Ungleichverteilung von Chancen einen der Gründe für mögliche soziale Spaltungen. Ihrer Ansicht nach würde auch die Wirtschaft davon profitieren, mehr in die Chancen von Jugendlichen zu investieren, damit diese ihre beruflichen Potentiale ausschöpfen können: „Unsere Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft basiert darauf, dass jeder die gleichen Chancen hat – egal, wo man herkommt oder was die Eltern machen. Das ist in Deutschland nicht der Fall. Nur, wenn wir wieder dafür sorgen, dass Bildungschancen gleich verteilt sind, kann jeder wirklich seines eigenen Glückes Schmied werden.“

Michael von Prollius ist deutscher Wirtschaftshistoriker, Unternehmer und Publizist und gründete die Onlineplattform „Forum Freie Gesellschaft“, die sich für das Wiederbeleben des klassischen Liberalismus einsetzt. Freiheit und Selbstverantwortung sind für ihn essenzielle Bestandteile einer funktionierenden Gesellschaft – jeder ist für sein eigenes Vorankommen verantwortlich, staatliches Eingreifen durch aktive Förderung verzerre dabei den Wettbewerb. „Es ist effizienter und moralischer all das zu privatisieren, was freie Menschen selbst organisieren können. Und das ist ziemlich viel, denken Sie an Arbeit, Gesundheit, Rente und Bildung. Nichts ist unsozialer als der Sozialstaat.“

 

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