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PRO/CONTRA: Revolution – sollten wir radikal sein, aufbegehren, jetzt?/should we be radical, rise up, now? – Boris Schneider, Regina Welsch

Pro

Kaum ein Begriff polarisiert so sehr wie das Wort „Revolution“. Die einen denken dabei an einen radikalen Neuanfang, der Wege eröffnet, die zuvor tabu waren. Die anderen fürchten sich vor einer Entwertung sowie Zerstörung aller mühevoll aufgebauten Errungenschaften und Traditionen. Sind aber wirkliche Veränderungen ohne Revolution überhaupt denkbar?

Revolutionäre Bewegungen oder auch schon revolutionäre Gedanken entstehen immer dann, wenn der Raum, in dem politische Debatten geführt und politische Kämpfe ausgetragen werden, zu eng geworden ist. „Zu eng“ heißt hierbei, dass nicht mehr genügend kritische Meinungen beachtet werden, dass ein großer oder sogar ein Großteil an vom Zentrum abweichenden Standpunkten als „gefährlich“ oder schlicht als „falsch“ abgestempelt wird. Bei den Ignorierten, die diese vermeintlich „falschen“ Standpunkte vertreten, wachsen infolgedessen Frust und Wut. Irgendwann ist der Wendepunkt erreicht, an dem es kein Zurück zur Debatte, zum politischen Streit innerhalb der gegebenen Koordinaten mehr gibt und der Status Quo über Bord geworfen wird, um einen Neuanfang zu ermöglichen. Revolutionen entstehen also aus einem tiefen Bedürfnis nach Veränderung, das zu lange unerhört geblieben ist, wenn diejenigen, die sich in der von Meinungsführern erklärten „Mitte“ nicht wiederfinden, keinen Raum und keine Sprache für eine Auseinandersetzung mit dem politischen Status Quo finden, begehren sie auf. Wer könnte es Ihnen verübeln?

Sollte es Entscheidungsträgern und Diskursführern nicht gelingen, Unbehagen und Unzufriedenheit in weiten Teilen der Gesellschaft zu begegnen und als solche zurück in die Debatte zu holen, wird eines Tages der eingangs erwähnte kritische Punkt erreicht werden. Dann werden die Ignorierten und Abgewiesenen gegen das System Sturm laufen, da sie für sich keinen anderen Weg, ihre Bedürfnisse in die politische Meinungsbildung einzubringen, mehr erkennen werden. Und dabei spreche ich sicher nicht nur vom sogenannten „Wutbürger“, welcher sicherlich auch aufbegehren wird. Nein, ich spreche von der ärmer werdenden Mitte der Bevölkerung, die zusehends aufmerksamer – wenngleich derzeit noch nicht lärmend – die Berichterstattung zu steigenden Boni im Topmanagement, wachsenden Vermögen der Superreichen und schwindenden Wohnraum in Ballungsgebieten verfolgt. Ich spreche von erwerbstätigen jungen Menschen, die sich bei einem durchschnittlichen Bruttoarbeitslohn vielleicht nicht damit abfinden wollen, dass sie im Alter womöglich kaum von ihrer Rente werden leben können, dass sie sich keine Wohnung leisten können, in der Stadt, in der sie arbeiten und dass sie dabei zusehen müssen, wie deren Großeltern und Eltern die Altersarmut droht.

Wenn sich an unserer Diskurskultur, unserem Wirtschaftssystem und unserem Gemeinschaftssinn nicht bald etwas ändert, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es zur einer von unten erzwungenen Änderung – ja einer Revolution – kommen wird, die dann allerdings nicht mehr zu kontrollieren ist. Vielleicht ist es auch an der Zeit, einigen Forschern zu beweisen, dass Revolution auch heute noch sehr wohl möglich ist und dass es so wie es jetzt ist, nicht mehr weitergehen darf.

In English

There is hardly a term as polarizing as the word „revolution“. For some it represents a radical new beginning, which opens up new ways that have previously been taboos. Others are afraid of a devaluation and destruction of all previous achievements and traditions. But is real change even possible without revolution?

Revolutionary movements and also revolutionary thoughts appear whenever the room for political debates and political struggles has become too narrow. „Too narrow“ means that not enough critical opinions are being taken into account anymore and that a way too large part (maybe even a majority) of positions varying from the centre are being called „dangerous“ or simply „wrong“. Those who are being ignored for sticking to their allegedly „wrong“ opinions see their anger and frustration rise. Then, once it has become impossible to return to any kind of normal debate within the given political coordinates, things are at a point of no return; the status quo gets dumped in order to pave the way for a new beginning. Therefore, revolutions originate from a deep desire for change which has been overheard for way too long. When people can no longer identify themselves with what opinion leaders declared “the center” and cannot find a language to engage with the established political status quo, they rebel. And who could blame them?

If politics fails to bring back these alleged „fringe opinions“ into the debate, to face dissatisfaction and mistrust among large parts of society the above mentioned critical point will be reached rather sooner than later. And then the ignored and refused ones will be up in arms against the system, simply for the fact that they see no other way to influence politics anymore. And I do not only talk about the so called “Wutbürger”, German politically frustrated and angry citizen who sympathizes with far right wing parties – who most likely will also rebel. However, I am talking about another center of society that gets poorer with every year. This part of society watches the news about rising bonuses for top managers, growing capital of the superrich and unaffordable rental rates for housing in cities, with increasing attention – although without protesting too loudly just yet. I talk about young employed people with average salaries, who might not accept the fact that they will most likely not be able to pay the bills when they reach retirement age, who cannot afford to live in the city they work in and who might not want to watch their grandparents and parents face old-age poverty.

If our culture of discourse, our economic system and our community spirit won’t change soon, it is only a matter of time until change will be enforced bottom up – until there will be a revolution. Maybe it is time to prove that revolution is possible today and that things can no longer stay as they are.

Autor: Boris Schneider (DWP-Vice-Chair of the Executive Board)

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Contra

Der Begriff der Revolution ist heute alltagstauglich und wird in vielerlei Kontexten verwendet. Von einer revolutionären Idee, einer revolutionären Aussage, einem revolutionären Ansatz zur Bekämpfung von Stechmücken und dergleichen wird gemeinhin berichtet. Die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs, oder noch präziser – des Begriffs der sozialen Revolution, meint sowohl den Sturz des bestehenden politischen Regimes als auch den radikalen Wandel der sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Was eine erfolgreiche Revolution ausmacht, darin ist sich die Forschung nicht einig. Ist sie gelungen, wenn das Regime gestürzt und ein Wandel stattgefunden hat? Oder ist sie es dann, wenn sich die Revolutionsführer erfolgreich im neuen politischen System als neue Eliten etabliert haben und die während der Revolution geforderten Ziele umgesetzt wurden? Würde man letzteres als Maßstab ansetzen, könnte kaum eine Revolution als gelungen bezeichnet werden. Zumal die revolutionären Ziele meist diffus und selten auf den Punkt zu bringen waren.

Die heutige politische Situation ermuntert dazu, sich Gedanken darüber zu machen, ob es womöglich bald zu einer Revolution kommt, oder gar ob jetzt der richtige Zeitpunkt sein könnte, um eine Revolution herbeizuführen. Einige der Rahmenbedingungen für eine Revolution sind durchaus zu beobachten. Am deutlichsten in den USA: Damit eine Revolution auf fruchtbaren Boden fällt, also ein Umsturz der Eliten und ein radikaler Wandel gelingt, sollte u.a. natürlich Frustration über die Eliten herrschen, die Eliten sollten tief gespalten sein und weite Teile der Gesellschaft sollten unmittelbar von wirtschaftlichen Krisen gebeutelt sein, sei es durch Missernten oder eben durch platzende Kredit- und Immobilienblasen. Zudem sollte sich aus den unzufriedenen Massen heraus, eine Gruppe organisieren, um die breite Bevölkerung mobilisieren zu können. Nach und nach würden sich einige der Eliten auf die Seite der Revolutionäre schlagen und deren Belange aufgreifen und weiterentwickeln. Würden diese Bedingungen und einige weitere erfüllt, könnte ein Umsturz und radikaler Wandel womöglich gelingen.

Höchstwahrscheinlich würde sich dieses Gelingen jedoch erst sehr viel später messen lassen. Im Fall der Französischen Revolution folgten im Anschluss zunächst Schreckensherrschaft, Despotie und Chaos. Die Iranische/Islamische Revolution, welche ursprünglich ebenso Freiheit und Demokratie zum Ziel hatte, führte das Land von der Monarchie in einen totalitären islamischen Gottesstaat mit Revolutionsführer Ajatollah Chomeini an der Spitze, auf dessen Grundpfeilern das Staatssystem heute noch beruht. Auch der Arabische Frühling, bspw. in Ägypten, brachte bisher nichts Gutes hervor. Nachdem die Muslimbrüder gewählt, abgesetzt und anschließend wieder weggesperrt wurden, entwickelt sich das Land zunehmend zu einer Militärdiktatur. Sollte man es dennoch wagen? – es wagen, sich zu organisieren und als Masse die Eliten stürmen, um einen Neuanfang zu ermöglichen?

Nein! Und damit meine ich nicht, dass nichts geschehen soll. Ich versuche keineswegs Missstände wie zunehmende soziale Ungleichheit, intransparente Politik und wachsende Macht durch Wirtschaftseliten zu verharmlosen. Die Revolution ist aber ein instabiles, unstrukturiertes Mittel, das zunächst blutige Auseinandersetzungen, Chaos und totalitäre(re) Regime hervorbringt, bevor der Ruf nach bspw. sozialer Gerechtigkeit wieder aufgegriffen wird – wenn überhaupt. Die Revolutionäre selbst würden jedenfalls nicht die Früchte der Revolution ernten sondern eher der Revolution selbst zum Opfer fallen –  man denke etwa an Robespierre oder die Muslimbruderschaft.

Wer Wandel will, der sollte sich vor allem organisieren – und zwar durch den Diskurs. Der Frust gegenüber Eliten, Kapitalismus und co ist zwar über sämtliche Milieus hinweg verbreitet, jedoch begegnen sich diese nur selten im Gespräch. Man bleibt unter sich – und boykottiert so jegliche Chance auf einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, der nicht darauf abzielt Fronten zu verhärten, sondern den anderen besser zu verstehen und ja, um den anderen vom besseren Argument zu überzeugen. Frust alleine reicht nicht aus, um die Eliten ins Schwitzen zu bekommen. Lösungen müssen her. Diese müssen gemeinsam erarbeitet werden.

Im Gegenzug muss Politik lernen – vor allem in Deutschland – dass es nicht ausreicht zu sagen, man wolle die Sorgen der Bürger nun ernst nehmen, denn das wirkt so als würde man „etwas populistisches Wasser in den eigenen Elitenwein hineingießen, damit man nicht so elitär aussieht“, wie es Herfried Münkler kürzlich ausdrückte. Die Politik muss lernen, dass sie Entscheidungsprozesse und Werte verständlich, langfristig und systematisch kommunizieren muss, sodass sich nicht nur der Rechtsstab eines Pharmakonzerns zu Gesetzentwürfen oder Programmen äußern kann. Dazu muss Politik diejenigen Kanäle nutzen, die von den Bürgern genutzt werden, in einer Form, in der die Lebenswelten der Bürger angesprochen werden. Die Medien alleine können diese Aufgabe nicht bewältigen. Es ist Aufgabe des Staates, Formen der Kommunikation mit seinen Bürgern zu etablieren und zu unterhalten. Diese sollten alle Meinungsgruppen einschließen. Eine unerwünschte Gruppe aus dem Diskurs auszuschließen, wird in einem Rechtsstaat nur dazu führen, dass diese sich in die Enge gedrängt fühlt und tut, was ein Raubtier in Bedrängnis tun würde. Es greift an.

In English

The concept of revolution has become ordinary and is nowadays used in many contexts. A revolutionary idea, a revolutionary statement or a revolutionary approach of fighting mosquitoes and the like, is commonly reported. The original meaning of the concept or more precisely, the concept of social revolution contains both: the overthrow of an existing political regime as well as the radical change in social and economic conditions. However, researchers disagree on the factors involved in a successful revolution. Has it succeeded, if the regime collapsed and changed? Or is it the case when the revolution leaders have successfully established themselves as new elite in the political system implementing the objectives demanded during the revolution? If the latter were to serve as a benchmark, hardly any revolution could be described as successful. Especially since most revolutionary targets often were diffuse and seldom concise.

Today’s political situation encourages the idea of ​​whether a revolution is coming soon, or if it might even be the right moment to start a revolution. Some of the external conditions necessary for a revolution are already observable. Most evidently in the USA: In order for a revolution to fall on fertile soil, i.e. overthrowing the current elite and enabling radical social change, frustration over said elite has to be present. Also the elite should be deeply divided, and large sections of the society should be shaken by an economic crises, may the reason be crop failure or a bursting credit and real estate bubble. In addition, a group should form from the discontent masses and mobilize the broad population. Gradually, part of the elite will join the revolutionaries and pick up and develop their interests. If these conditions and a few others are fulfilled, a revolution and radical change might succeed.

However, this success can only be measured much later. In the case of the French Revolution, despotism and chaos followed the reign of terror. The Iranian / Islamic Revolution, which originally aimed at liberty and democracy, led the country from monarchy to a totalitarian Islamic state headed by the revolutionary leader Ajatollah Khomeini, laying down the ideological foundation of the current state system. The Arab Spring in Egypt, did not bring any good results either. After the Muslim Brotherhood was elected, dismantled and then blocked again, the country is increasingly developing into a military dictatorship. Should it be dared nevertheless? – dared to organize and overthrow the elite as a mass to allow a new beginning?

No! I do not mean, that nothing should happen. I do not intend to belittle issues such as the increasing social inequality, non-transparent politics, and growing power through the economic elite. Revolutions, however, are unstable, unstructured and usually produce first bloody clashes, chaos, and totalitarian regimes before resuming the call for e.g. social justice – if at all. The revolutionaries themselves would in any case not reap the fruits of the revolution, but rather fall victim to the revolution itself-keeping in mind Robespierre or the Muslim Brotherhood.

If you want change, you should organize above all – through discourse. The frustration over the elite, capitalism and so on, is spread across all milieus, but is rarely discussed together. Remaining among likewise boycotts any chance of a general social discourse that aims at understanding others better as well as convincing others of the better argument, but rather hardens the existing fronts. Frustration alone is not enough to get the elite sweating or bring about any change. Solutions are desperately needed. However, these must be developed together.

In return, politics needs to learn – especially in Germany – that it is not enough to say that citizens’ concerns are now being taken seriously. This just seems as if you were “pouring some populist water into your own elite wine, to not look as elitist “, as Herfried Münkler recently put it. Policy makers must learn that they should communicate decision-making processes and values ​​clearly, and in a long-term and systematic manner. Not only legal representatives of pharmaceutical corporations should be able to express their interests when laws and programs are drafted. Therefore, politics must use channels shared by citizens, in a way which addresses their everyday lives. Media alone cannot deal with this task. It is the responsibility of the state to establish and maintain forms of communication with the overall population including all opinion groups and milieus. To exclude an unwanted group from the discourse in a state based on the rule of law, will only result in a feeling of being cornered and will awake the natural behavior of a predator in distress. It attacks.

Regina Welsch (DWP-Chair of the Executive Board)

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