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PRO/CONTRA: Ein direkt gewählter Bundespräsident? / A Directly Elected Federal President?

In wenigen Tagen wird in Deutschland ein neuer Bundespräsident gewählt, allerdings nicht direkt. Sollte dies geändert werden? Was spricht dafür, was dagegen? Ein Pro & Contra von Boris Schneider und Henrik Meyer.

In a few days, a new Federal President will be elected in Germany, however not through direct elections. Should this be changed? What are the arguments for and against? A pro/con essay by Boris Schneider and Henrik Meyer.


Für eine Direktwahl / Pro Direct Elections

Für gewöhnlich wird der Präsident eines Landes direkt vom Volk gewählt – sowohl in Staaten wie Frankreich, wo diesem Amt eine sehr starke Rolle zukommt, wie auch beispielsweise in Österreich, wo es sich eher um eine repräsentative Funktion handelt. Dass dies in Deutschland die sog. Bundesversammlung – eine vermeintich repräsentative, bunte Truppe, der sowohl aktuelle Politiker wie auch Prominente angehören – übernimmt, ist ein Kuriosum. Historisch betrachtet kann man dies sicher irgendwie rechtfertigen; nach dem Zweiten Weltkrieg war man wohl nicht bereit, der deutschen Bevölkerung ein direkt gewähltes Staatsoberhaupt zuzutrauen. Im Jahr 2017 überzeugt diese Begründung allerdings kaum noch irgendjemanden. Für eine Direktwahl sprechen nämlich gleich mehrere Gründe.

Erstens, hat ein Bundespräsident überparteilich zu sein. Dies kann ein Kandidat, der von einigen wenigen Parteivorsitzenden ausgehandelt worden ist, niemals komplett erfüllen. Nur ein direkt gewählter Bundespräsident kann wirklich unabhängig agieren. Und er oder sie hätte auch sicherlich einen wesentlich größeren Vertrauensvorschuss von der Bevölkerung. Außerdem darf man nicht vergessen, dass ein Bundespräsident die Aufgabe hat, von der Regierung verabschiedete Gesetze zu überprüfen. Bedenkt man, wie oft das Bundesverfassungsgericht in den letzten Jahren solche Gesetze nachbessern musste, wird einem schnell klar, dass die letzten Bundespräsidenten ihre Aufgabe nicht gründlich genug erfüllt haben. Ein direkt gewählter Amtsinhaber wäre sich dieser Verantwortung vielleicht etwas bewusster. Schlussendlich liegt heute die eigentliche Gefahr für die Demokratie in einer sich von der Politik abwenden, frustrierten Bevölkerung, die immer mehr das Gefühl hat, dass ihre Meinung nicht gehört werden will. Und das beste Mittel dagegen ist nunmal mehr statt weniger Beteiligung – in diesem Falle durch eine Direktwahl des deutschen Staatsoberhauptes.

Usually, the president of country gets to be elected directly – both in countries where this office has a very high importance, such as France, as well as in those, where the job is rather representative. The fact that this is being handled quite differently in Germany, where the so-called Federal Convention – an allegendly representative group including both today’s politicians and celebrities – is quite a curiosity. Looking at it from the historic perspective, it somehow makes sense; after World War II, there was little trust in the decisions of the German electorate. In 2017, however, this explanation has ceased to be convincing. There are several reasons for a direct election.

First, the Federal President must be above-party. A candidate, that has been chosen by party representatives, will never be fully independent. Only a directly elected candidate can live up to this task; he or she would probably also be way more respected by the electorate. Besides, one should keep in mind that the Federal President has to check laws passed by the government. In the last few years, the Federal Consitutional Court had to correct numerous such laws, which leads us to the conclusion that the German Head of State did not do his task properly. Maybe, a directly elected president could perform a better job. And ultimately, the real danger Western democracies are facing today is a frustrated electrorate which is convinced that politicians are not listening anymore. The best remedy against this frustration is rather more than less participation – in this case via a directly elected Bundespräsident.


Gegen eine Direktwahl / Against Direct Elections

Es ist ja unbestritten – als in Frankreich Ende letzten Jahres viereinhalb Millionen Bürger bei der Präsidentenvorwahl der Republikaner mehrheitlich für François Fillon stimmten, konnte man als Deutscher ein wenig neidisch werden. So viel Enthusiasmus, so viel Partizipation! Wie staubtrocken und taktierend verlief hingegen die Suche nach dem Nachfolger Joachim Gaucks. Und dann erst diese Bundesversammlung, die mit ihren Promis so etwas wie Volkstümlichkeit simulieren möchte. Die Frage liegt also nahe: Sollte man in Deutschland nicht endlich auch das Volk direkt darüber entscheiden lassen, wer der nächste Präsident sein wird?

Nein, es ist einfach nicht einleuchtend, einen Präsidenten, der wenig bis gar nichts zu entscheiden hat und dem eine überparteiliche Funktion zukommt, direkt vom Volk wählen zu lassen. Mit der Legitimität einer unmittelbaren Volkswahl ausgestattet, würde er oder sie die Statik unseres gegenwärtigen politischen Systems ins Wanken bringen. Könnte eine solche Person sich wirklich auf ihre zeremonielle Funktion beschränken oder würde sie an der einen oder anderen Stelle nicht doch Einfluss zu gewinnen versuchen, der über ihre im Grundgesetz verankerten Kompetenzen hinausgeht? Und wenn sie sich zurückhielte – würde es dann nicht ein Missverhältnis zwischen den Erwartungen ihrer Wähler und ihren Einflussmöglichkeiten geben? Und wenn erst einmal im Bewusstsein der Wähler angekommen ist, dass auch ein direkt gewählter Präsident keine Macht außer der Macht des Wortes hat, würde die Wahlbeteiligung dann beim nächsten Mal nicht spürbar zurückgehen, was der Würde des Amtes auch nicht gerade zuträglich wäre? Mit welchen Losungen soll er oder sie überhaupt in den Wahlkampf ziehen? Nein, zwingende Gründe für die Direktwahl des Bundespräsidenten sind nicht zu erkennen, es sei denn, wir wollen seine Rolle generell aufwerten. Doch besteht hierfür irgendeine Notwendigkeit?

Beyond any doubt – many Germans were a little envious about four and a half million French voters who were able to elect François Fillon in the Conservative Party’s primaries. So much enthusiasm, so much participation! How dry as a bone and how tactical, on the other hand, was the search for a successor to the current Federal President of Germany, Joachim Gauck. Also the fact that this oddly popular Federal Convetion, which consists of celebrities and politcians, gets to vote the German Head of State! This leads us to the obvious question. Should the German electorate not rather determine on its own who should be President?

No, it is simply pointless to elect an almost purely representative and non-party politician directly. This would grant him or her a certain legitimacy, which could upset the balance of our whole political system. Would such a person really stick to a representative job or would he or she try and gain influence wherever possible and thus exceed official limits? And if, on the other side, such a president were to remain rather passive – would his electorate not be disappointed, which in effect would lead to a lower turnout that could eventually damage the office? How would such a presidental campaign even look like? No, there are simply no reasons whatsoever for a direct election – other than if we want to increase the importance of the president’s job. But is there any need for this?

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