DWP Logo flexible jpg

PRO/CONTRA: EU-Beitrittsgespräche mit der Türkei abbrechen? / Cancel the EU Accession Talks with Turkey?

Sollte die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei abbrechen? Was spricht dafür, was dagegen? Nachfolgend ein Pro und Contra von Boris Schneider und Henrik Meyer.

Should the European Union end EU membership talks with Turkey? What are the arguments for and against such a decision? A pro/con text by Boris Schneider and Henrik Meyer.


PRO Abbruch / PRO Ending the Talks

Als der türkische Präsident Erdogan nach dem Putschversuch im letzten Sommer davon sprach, die Todesstrafe wieder einführen zu wollen, war die Reaktion der EU unmissverständlich: Die Beitrittsverhandlungen mit Ankara wären unverzüglich beendet, denn ein Land, das diese Form der Bestrafung in sein Gesetzeswerk aufnehme, könne kein Mitglied der Europäischen Union werden. Wie weit die Türkei von der Todesstrafe noch entfernt ist, lässt sich von außen schwer beurteilen. Wie weit sie von der dauerhaften Implementierung eines autokratischen Herrschaftssystems entfernt ist, hingegen schon. In der vorvergangenen Woche hat das türkische Parlament mit der erforderlichen Mehrheit eine Verfassungsänderung beschlossen, die die exekutiven Befugnisse des Präsidenten signifikant erweitern, die Beteiligungsmöglichkeiten des Parlaments hingegen empfindlich beschneiden würde. Das Volk muss dieser Verfassungsänderung noch zustimmen; ein Selbstläufer ist das nicht. Doch was schon im Vorfeld der Parlamentsabstimmung zu beobachten war – staatlich entfachte Propaganda und massive Einschüchterung derjenigen, die abstimmen durften –, wird sich auch vor und während des Referendums wiederholen, das obendrein in Zeiten des Ausnahmezustands stattfinden wird. Ein Sieg Erdogans ist unter diesen Umständen das wahrscheinliche Szenario.

Und dann? Kann die EU nach der Inthronisation Erdogans zum Dauerherrscher immer noch an einer Sache festhalten, die mehr und mehr zu einer Fiktion geworden ist? Muss sie dann nicht endgültig konstatieren, dass ein Land, welches die Bürger- und Menschenrechte erheblich verletzt und nun auch die Gewaltenteilung weitgehend außer Kraft setzen will, kein Mitglied der EU werden kann – und zwar schon deswegen nicht, weil schließlich auch die Kopenhagener Kriterien dauerhaft verletzt werden? Es spricht einiges dafür, die Beitrittsverhandlungen zumindest auszusetzen, wenn die Verfassungsänderung durchgehen sollte. Europa muss sich in der augenblicklichen Weltlage darauf besinnen, was es stark macht und was es besonders macht. Vielleicht ist dies der Augenblick, da die EU ein Signal nach innen und nach außen setzen muss. Das Signal lautet: Die EU ist geschlossen genug, die eigenen Werte nicht preiszugeben, und sie ist selbstbewusst genug, dies auch nach außen zu dokumentieren. Die Botschaft der EU kann nur lauten: Eine Türkei, wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt hat, kann kein Mitglied der Europäischen Union werden.

When in summer 2016, Turkish president Erdogan announced that, as a reaction to the attempted coup, he would reintroduce the death penalty, the European Union reacted very clearly: membership talks would be brought to an end immediately, as such legislation is completely incompatible with EU membership.  It is hard to tell from the outside how far Turkey is really away from the death penalty. It is pretty clear though that the country has come extremely close to a permanent implementation of an autocratic political system. Two weeks ago, parliament voted for the constitutional amendment which would significantly extend the executive power of the president and reduce that of parliament. This amendment still needs to be confirmed in a referendum, which, by no means, will be a self-runner. However, judging by the level of propaganda and intimidation used before the parliamentary vote, Erdogan’s proposal is very likely to be accepted – especially, as it will be voted upon during a state of emergency.

And then – what? Can the EU still stick to an idea which, after Erdogan’s enthronement, will have largely become fiction? Will it not have to finally accept that a country, which significantly limits civil and human rights and effectively ends the checks and balances, cannot be part of the EU – after all, the so-called Copenhagen Criteria, stating the requirements for EU accession, would be permanently violated? There are numerous arguments in favour of at least suspending the accession talks in case of a final constitutional amendment. Europe needs to focus on its strengths and values these days. Maybe it is time for a signal both towards the exterior and the interior, stating: The EU is unified enough to stand by its values and not compromise them. A country such as today’s Turkey simply cannot become a member of the European Union.


CONTRA Abbruch / CONTRA Ending the Talks

Nachdem im vergangenen Jahr der Putschversuch in der Türkei niedergeschlagen worden war, verhängte Präsident Erdogan den Ausnahmenzustand und begann anschließend damit, echte oder vermeintliche Putschisten per Dekret aus dem Staatsdienst zu entfernen oder anderweitig zu verfolgen. Die Regierung beschwor eine überaus angeheizte Stimmung im Land hinauf, die überall Feinde und Verräter ausmachte; schon bald war die Rede von der Wiedereinführung der Todesstrafe – womit das Land EU-Normen glasklar zuwiderlaufen würde. Die Einführung eines Präsidialsystems und somit die faktische Entmachtung des türkischen Parlaments wurde seitdem weiter vorangetrieben und rückt nun immer näher. Vor allem rechte und konservative Kräfte in der EU nutzten diese Gelegenheit um einen umgehenden sowie vollständigen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu fordern. Schließlich sei das Land auf dem besten Wege, zu einer glasklaren Diktatur zu werden und somit in der Europäischen Union, die (zumindest nach außen) immer gerne ihre gemeinsamen Werte betont, völlig fehl am Platz.

Wem aber wäre mit dieser Entscheidung geholfen? Der EU wohl kaum. Auch vor dem Putsch war die Menschenrechtslage in der Türkei überaus problematisch. Beitrittsverhandlungen zu führen bedeutet außerdem keineswegs, fest mit einem Beitritt zu rechnen. Diese Verhandlungen waren schon immer ergebnisoffen und verpflichteten die Europäische Union in keiner Weise dazu, die Türkei eines Tages – koste es was es wolle – in die Union aufnehmen zu müssen.

Würde sie der türkischen Regierung helfen? Paradoxerweise würde sie das in gewisser Weise tun. Denn nun können es sich Erdogan und seine Unterstützer problemlos in einer Opferrolle gemütlich machen und auf eine angebliche „Türkenfeindlchkeit“ seitens des Westens verweisen. Es ist ein wenig wie mit dem teilweisen Einreiseverbot für Muslime, das der US-Präsident Trump vor einigen Tagen angeordnet hat: eine vermeintlich „starke“ Entscheidung könnte der Gegenseite in die Karten spielen, denn Terrorgruppen wie der Islamische Staat haben nun ein weiteres Argument für ihre Theorie vom Kulturkampf zwischen „dem Westen“ und dem Islam.

Vor allem aber darf man in dieser ganzen Debatte die türkische Opposition nicht vergessen. Als sich das EU-Parlament Ende November 2016 in einer symbolischen Abstimmung für einen Abbruch der Verhandlungen Aussprach, kam nicht nur von der türkischen Regierung Kritik sondern ebenso von verschiedenen Oppositionsgruppen. Sie sind in dieser Geschichte die wahren Leidtragenden. Denn wenn die EU diese Menschen alleine lässt – wer soll sie (und mit ihnen den verbliebenen demokratischen Rest des Landes) dann noch vor Erdogan und seinen Gefolgsleuten schützen? So unangenehm dies auch scheinen mag – die EU darf ihr letztes Fünkchen Einfluss auf die türkische Politik nicht aufgeben.

After the unsuccessful coup attempt in 2016, President Erdogan called for the state of emergency and began to purge both real and alleged supporters of the coup from public positions or persecute them otherwise. The government’s actions quickly led to a very violent atmosphere in the country and for many, it became a daily routine to be called traitor or enemy. Soon, there were calls to introduce the death penalty which would obviously collide with EU norms. The introduction of a presidial system, that would make parliament almost powerless, kept on coming closer. Especially rightist and conservative EU politicians swiftly began to call for a permanent suspension of the country’s accession talks to the EU. After all, Turkey was on its way to become a clear dictatorship, for which there is no place inside the European Union, which (officially) always focusses on its common values.

But who would actually benefit from such a decision? Hardly the EU. Even before the coup, the human rights situation inside the country was highly problematic. Besides, engaging in those accession talks does not mean that the country will definitely join the EU at some point. In this regard, negotiations between Turkey and the European Union have always been open.

Would the Turkish government benefit from ending the talks? Paradoxically, it would. Now, Erdogan and his supporters would be able to play the victim card and claim that there is an alleged “Turkophobia” in the West, just like the Islamic State and other terrorist groups can interpret Trump’s partial Muslim ban as another proof showing that there is a cultural struggle going on between the West and the Muslim world. “Tough” political actions can oftentimes be very counterproductive.

But most of all, one should think of the Turkish opposition in this struggle. When in November 2016, the European Parliament made a symbolic vote to end the accession talks, not only the Turkish government but also various opposition groups sharply criticized the decision. They are the true victims in this whole situation. Who will be there to aid them (as well as the remaining parts of democratic society in Turkey) and to protect them from Erdogan and his supporters? As problematic this may sound – the European Union should not give away its little bit of remaining influence on Turkish politics.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *