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Populismus: Würze oder Gift? / Populism: Zest or Poison?

By Boris Schneider and Martha Otwinowski

Nicht erst seit dem Brexit und Trumps Wahl zum US-Präsidenten, sondern schon seit Jahren, warnen Politiker der etablierten Parteien vor einer angeblichen „populistischen“ Gefahr, vor Parteien, die angeblich den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen „Konsens“ bedrohen. Diese Warnungen haben aber vor allem eines zum Ziel: den Wählern, in deren Hand es liegt, den Status Quo zu ändern, weiszumachen, dass sie bereits in der „bestmöglichen Welt“ leben; so lassen sich die institutionellen Fehler und die Ineffizienz vieler politischer Akteure, wie z.B. der EU, am Besten verschleiern.

Dabei sind viele vermeintlich populistische Konzepte für sich genommen durchaus rational und keineswegs so radikal wie manche Seiten immer predigen. Man denke nur an das Wahlprogramm der griechischen Syriza-Partei, der geradezu kommunistische Ideen unterstellt wurden, die aber tatsächlich lediglich Dinge umsetzen wollte, die in den 60er/70er Jahren als absolute Mainstream-Sozialdemokratie durchgegangen wären. Wen wundert es da noch, dass zahllose renommierte Ökonomen vielmehr die Gegenseite (also die Austeritätspläne von Wolfgang Schäuble & co) als wirtschaftlich unmöglich abgetan haben; den „radikalen Linken“ von Syriza dagegen gaben sie Recht. Dies zieht sich wie ein roter Faden durch zahlreiche „populistische“ Bewegungen.

Schließlich sollte man auch bedenken, dass nicht wenige „extreme“ Parteien ihre Zustimmung daher beziehen, dass die Mitte immer und immer wieder die Regeln gebrochen hat, die sie einst selbst aufstellte. Man denke nur an den Umgang des Westens mit autoritären Staaten wie Russland oder China, die von EU und USA zu Recht kritisiert werden. Wo aber bleibt die entsprechende Kritik des Westens an seinen Partnern (Saudi-Arabien, Türkei et cetera) oder am völlig undemokratischen Verhalten der USA im Kampf gegen den Terror (z.B. das Drohnenprogramm). Rühmt sich der Westen nicht stets damit, wertorientierte Politik zu machen? Vielleicht gelänge es den etablierten Parteien, den ein oder anderen Wähler zu überzeugen, würde er sich an seine eigenen Versprechungen halten. Bis dahin braucht es den “Populismus” als Korrektiv.


Populismus wirkt als Spaltpilz, der ein anti-pluralistisches Weltbild und vereinfachende Bedrohungsszenarien entwirft, denen sich die Mehrheitsgesellschaft gegenüber sehen soll. Rechtspopulistische Bewegungen und Parteien in den USA und Europa haben in jüngster Zeit politische Ergebnisse geprägt und treiben Mainstream-Politik vor sich her. Dabei sind Lösungsvorschläge für komplexe Herausforderungen der heutigen Zeit seltener gesehen als ‚Stimmung‘, die sich notwendigerweise gegen etwas richtet.

Der Europaabgeordnete der britischen Euroskeptiker UKIP, Nigel Farage – Europas erfolgreichster Populist gemessen an seinen politischen Zielen – machte dies deutlich, als sich nach dem Brexit-Votum von seinem Parteivorsitz zurückzog: er hat keinen Anspruch aufzuräumen, wofür er mitverantwortlich war. Aber genau hier mangelt es: An gesellschaftlicher Verantwortung. Mitte-rechts Parteien der westlichen Welt missachten diese genauso, wenn sie die Forderungen der Populisten mitunterschreiben. Somit wird die gefühlte Bedrohung bestätigt und das Resultat ist eindeutig: Zur gestiegenen Zahl an offener Fremdenfeindlichkeit, verbalen und gewalttätigen Angriffen gegen Minderheiten in Europa und den USA in den letzten eineinhalb Jahren gibt es mittlerweile genügend veröffentlichte Zahlen.

Im Zusammenhang mit Wahlerfolgen der AfD, dem Brexit und dem Ausgang der US-Präsidentschaftswahl wurde häufig gefordert, Bevölkerungsängste endlich wieder ernst zu nehmen. Dies ist in der Tat wünschenswert. Jedoch ist es höchst problematisch, wenn gefühlte Wahrheiten und Ängste zum Ziel eines politischen Wahlerfolges instrumentalisiert werden, Fakten nicht mehr zählen und eindeutig große Teile der Bevölkerung abgewertet und ausgeschlossen werden. Eine solche politische Rhetorik führt zu einer Verrohung des politischen Diskurses, die respektvollem Umgang miteinander die Grundlage entzieht.



Not only since Brexit and Trump’s successful bid for the US presidency, but rather already for the last few years, politicians from the established parties have been warning of an alleged “populist” danger, of parties which are supposed to be threatening the societal, political and economic “consensus”. These warnings, in fact, have just one goal: to convince the voters that we are living in the “best of all possible worlds”; this, of course, is a wonderful way to hide the numerous institutional shortcomings and inefficiencies of many political actors, such as the EU.

But many seemingly populist concepts are pretty rational and nowhere as radical as they are said to be by the mainstream. Just think of the election programme by Greek party Syriza, which was accused of being communist, but in fact only wanted to implement ideas which would have passed for absolute social-democratic mainstream in the 60s or 70s. It is no surprise that countless acclaimed economists called the other side (austerity, as planned by Wolfgang Schaeuble and others) economically impossible; the “radical leftists”, on the other hand, were right. This is the very thread running through many “populist” movements.

Finally, one should als bear in mind that quite a few “extreme” parties are being supported because the political centre has been breaking its own rules again and again. Just think of how the West is treating authoritarian states such as China and Russia, criticizing them for lack of human rights et cetera (and rightly so). But why not criticize Western partners in the same way (such as Saudi Arabia and Turkey) or the US-American drone programme used in the War on Terror? Is not the West proud of doing value-driven politics? Maybe some of the established parties could win back their support, if they just managed to stick to their own rules? Until then, we need “populism” as a corrective.


Populism is divisive and promotes a non-pluralistic worldview by suggesting the majority population was facing an existential threat. Right-wing populist movements and parties across Europe and the United States have been determining political outcomes and continue to successfully dictate agendas of mainstream political parties. However, solutions for some of the contemporary complex challenges are much more rarely seen than agitation and stirring up emotions.

Nigel Farage, MEP for the British euro-sceptic party UKIP – judged by his political goals, Europe’s most successful populist – made just this blatantly evident by stepping back from his position as party chair after the Brexit vote: he had no intention to clean up the mess he had contributed to. This is precisely what is missing: Societal responsibility. Centre-right parties across the Western world are ignoring such sense of responsibility by accommodating and legitimising some of the most problematic populist demands. This validates perceived sense of threat and the consequences are real: By now, we have seen plenty of data to illustrate increased levels of xenophobia, verbal and physical attacks against minorities in various European countries and the US, in particular over the last year.

In context with electoral successes of the German right-wing populist party AfD, the Brexit as well as the outcome of the US-Presidential election, it was asked to finally take fears and concerns seriously. Indeed, this would be desirable. It is, however, an issue when perceived truths and fears are instrumentalised for political gains, when facts no longer matter and parts of society are dehumanised and excluded. Such political rhetoric has a brutalising effect and renders respectful discourse impossible.

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