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Diskutiert in Berlin: Protestbewegungen und kollektive Identität – Was bleibt vom Wir im gesellschaftlichen Umbruch?

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Discussing World Politics organisierte am 14.3.2016 die erste Diskussion in Berlin in Kooperation mit der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung mit mehr als 30 Teilnehmenden im Amerikahaus, Hardenbergstraße 22 zum Thema:

Protestbewegungen und kollektive Identität – Was bleibt vom Wir im
gesellschaftlichen Umbruch?

Politikverdrossenheit, Misstrauen gegenüber den Medien und Elitenskepsis weiter Teile der Bevölkerung

12675262_980339798667860_597135852_onehmen kontinuierlich zu. Von „Meinungsdiktatur” sprechen die sogenannten Protestbürger aus allen Reihen des politischen Spektrums, richten Ihre Anliegen dabei explizit gegen etablierte Institutionen und Entscheidungsträger und koppeln sich von den Kanälen repräsentativer Demokratie ab. Dabei werden sehr unterschiedliche Vorstellungen von einem “Wir” vertreten. Wie verhärtet die Fronten sind, zeigt die Hochkonjunktur der Kampfbegriffe “Gutmenschen”, “Lügenpresse“ und “neue Rechte”.

Ebenso ist von einem europäischen „Wir“ dieser Tage nicht viel zu spüren. Worauf stützt sich das Zugehörigkeitsgefühl zu einem Kollektiv und welche Kriterien liegen einer gemeinsamen Identität zugrunde? Beobachten wir vielleicht gerade den Verfall gesellschaftlichen Zusammenhalts? Im Rahmen der Diskussion wird über Formen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Protest debattiert, es werden dessen Ursachen beleuchtet sowie die Auswirkungen von zunehmend polarisierten Wahrnehmungen gesellschaftlicher Entwicklungen analysiert. In diesem Zusammenhang soll über verschiedene Verständnisse von Identität und Solidarität sowie die Bedeutung von gemeinsamen Normen und Werthaltungen, mit Blick auf Deutschland und Europa, gesprochen werden

Gemeinsam mit dem Protestforscher der Technischen Universität Berlin Dr. Peter Ullrich und dem Europaforscher der Universität Potsdam Dr. Thomas Mehlhaus setzten wir uns mit diesen Themen auseinander. Moderiert von Regina Welsch.

Die Diskussion fand in Kooperation mit der Berliner Landeszentrale für Politische Bildung am Montag, den 14.3.2016 von 18.30 Uhr bis 20.30 Uhr im Amerikahaus (Hardenbergstraße 22, 10623 Berlin – am U-Bahnhof Zoologischer Garten) statt.

Beide Redner führten im Rahmen einer zehnminütigen Keynote in das Thema ein, um ihre Positionen zu skizzieren. Danach wurde d12842404_10154088118073854_881370793_o-2ie Diskussionsrunde für jedermann geöffnet. Alle waren eingeladen, nicht nur Fragen an die Experten zu richten, sondern eigene Meinungen zu formulieren, das Gesagte zu hinterfragen und sich mit anderen Teilnehmenden auszutauschen. Unterschiedliche Ansichten und Meinungen waren dabei ausdrücklich erwünscht. Jeder durfte, musste sich aber nicht aktiv an der Diskussion beteiligen. Die Veranstaltung war offen für jeden und kostenfrei. Eine Registrierung war nicht erforderlich.

Facebookevent: https://www.facebook.com/events/1712093232407816/

Hintergrund zu Discussing World Politics

Discussing Word Politics wurde vor zwei Jahren in Helsinki gegründet. Wir veranstalten Diskussionen zu kontroversen politischen Themen und laden die Öffentlichkeit ein, sich gemeinsam mit Experten aktiv an deliberativer Demokratie zu beteiligen. Themen die diskutiert wurden, waren u.a. the Ukraine crisis, drones in warfare, the TTIP, the Finnish welfare state, electronic surveillance, the EU’s financial crisis, the Syrian war and Polish political history. Renommierte Persönlichkeiten nahmen bereits an unseren Diskussionen teil: U.a. Der ehemalige finnische Umweltminister Pekka Haavisto, der international renommierte Anwalt und Rechtswissenschaftler Martti Koskenniemi, der ehem. japanische Botschafter in den USA und President der American-Japan Society Ichiro Fujisaki, Fernsehkorrespondent Tom Kankkonen, Top-Diplomat Tim Hemmings und Professoren wie Teivo Teivainen und Timo Kivimäki. Wir kooperierten bereits mit der Universität Helsinki, dem Finnish Institute of International Affairs, der Britischen Botschaft in Helsinki, der Japanischen Botschaft in Helsinki sowie mit Finnish Model United Nations. Die Initiative wird nun auch in Berlin verwirklicht. Für den erfolgreichen Aufbau der Initiative in Berlin suchen wir engagierte Freiwillige:

How to engage

Unsere Gastredner haben vorab je einen kurzen Text zum Thema veröffentlicht. Kommentare, Fragen und Anregungen sind willkommen auch via E-mail: team@discussing-world-politics.org

Alle Veranstaltungen, die bisher stattfanden, sind hier zu finden: https://www.facebook.com/discussing.world.politics.hy/events

Vielen Dank für euer Kommen!

Euer DWP-Team

3 thoughts on “Diskutiert in Berlin: Protestbewegungen und kollektive Identität – Was bleibt vom Wir im gesellschaftlichen Umbruch?

  1. Die Krise mobilisiert viele Wir-Bilder, die sich bei genauerem Hinsehen als problematisch oder fragil erweisen. Bewegungen treten mit dem Anspruch an, die 99% zu vertreten (Occupy). Andere rufen “Wir sind das Volk” und meinen “Ausländer raus” (Pegida). Beide Forderungen stehen für extrem unterschiedliche Vorstellungen von einem Wir: demokratische und inklusive Positionen bei den einen, exklusive, autoritäre, nur demokratisch verbrämte bei den anderen.
    Daher gilt es zu zeigen, wie Krise und Postdemokratie unterschiedliche Antworten auf die Repräsentationslücken hervorbringen: Beteiligung und Bewegung gehören dazu wie eine sich verstärkender Chauvinismus, Rassismus und Autoritarismus. Dabei ist klar: das nationale Wir war schon immer eine Lüge und wird auch in Zukunft eine Verschleierung gesellschaftlicher Machtverhätnisse bleiben.

  2. Europäische Identität und Solidarität in der Europäischen Union

    Der „Appetizer“ fokussiert auf die Existenz und Entwicklung einer europäischen Identität. In einem ersten Schritt soll das Konzept der Identität erläutert werden, indem zwischen personaler, kollektiver und institutioneller Identität unterschieden wird. Dabei kann es auch mehrere, parallel existierende kollektive Identitäten geben (Mehrfachidentität), die sich durchaus komplementär begreifen lassen.

    In einem zweiten Schritt soll dargelegt werden, inwiefern eine europäische Identität existiert. Je nachdem, wie anspruchsvoll das Konzept der kollektiven Identität verstanden wird, lässt sich die Frage nach der Existenz einer europäischen Identität bejahen oder verneinen. Flach definiert im Sinne einer Selbstzuschreibung lässt sich durchaus von einer europäischen Identität sprechen. Anspruchsvoll konzipiert im Sinne einer belastbaren ‘unkompensierten Opferbereitschaft’, fällt das Urteil deutlich nüchterner aus. Denn eine europäische Solidarität existiert allenfalls rudimentär.

    In einem dritten Schritt sollen Bezüge zur europäischen Flüchtlingskrise hergestellt werden. Hierbei zeichnen sich in der EU die größten Differenzen zwischen Deutschland einerseits und Polen, Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien andererseits ab. Tatsächlich spielen hier normative Argumente, insbesondere der Wert der Solidarität, eine zentrale Rolle. Am Beispiel der deutsch-polnischen Beziehungen sollen exemplarisch drei für eine europäische Solidarität relevante Narrative skizziert werden, die unterschiedliche Interpretationen und Schlüsse zulassen: Die deutsche Unterstützung des polnischen EU-Beitritts als solidarischer Akt der historischen Versöhnung, die polnische Kritik an der Nordseepipeline und der Ruf nach einer solidarischen europäischen Energie-NATO sowie der deutsche Solidaritätsappell in der Flüchtlingskrise und der polnische Vorwurf einer eigennutzorientierten Instrumentalisierung dieses Wertes durch Deutschland.

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